Tonträger-Veröffentlichungen

CD-Cover "Aurora"

Reinhard David Flender
CD: "AURORA" (1997)
Kat.-Nr. WWE 1CD 200007
Label: col legno









Thomas Phleps im Gespräch mit Reinhard David Flender

T.P.: Sie haben vier Stücke für diese CD ausgewählt. Ist das ein repräsentativer Querschnitt durch Ihr Werk?
R.F.: Das nicht gerade. Aber diese vier Kompositionen sind alle nach 1989 entstanden. Ich hatte damals erstmals das Gefühl, meinen Stil gefunden zu haben, eine Art Evidenz-Erlebnis, daß diese Musik ziemlich mit meiner Person übereinstimmt und daß mir nichts fremd ist oder plagiatorisch vorkommt.
T.P.: Das dritte Stück auf der CD heißt PIRKEI TEHILLIM. Es handelt sich um die Vertonung von drei hebräischen Psalmen. Steve Reich komponierte 1981 Tehillim, ein sehr erfolgreiches Stück. Haben Sie sich davon beeinflussen lassen?
R.F.: PIRKEI TEHILLIM hat eine zwölfjährige Vorgeschichte. Schon 1977 hatte ich die Idee, Psalmen zu vertonen und zwar auf der Grundlage mündlich überlieferter Hebräischer Psalmodie. Ich hatte gerade mein Klavierstudium beendet und wollte in Israel Musikethnologie studieren. Israel ist ein Weltlaboratorium der Volksmusik. Hier kann man alle orientalischen Musikarten studieren. Ich lernte also erstmalig authentische einstimmige Musik kennen. Das war eine ganz neue Welt, und ich habe über vier Jahre diese Musik in mich aufgesogen. Meine Intentionen waren eher wissenschaftlicher Art. Ich habe sehr viel Feldforschung gemacht und Melodien transkribiert. Diese intensive Beschäftigung mit einstimmiger Musik hat sich dann indirekt auf meinen Kompositionsstil ausgewirkt. PIRKEI TEHILLIM ist reine Melodik auf der Grundlage einer von der hebräischen Sprache abgeleiteten „logogenen" Rhythmik im Kontext eines freitonalen Klaviersatzes.
T.P.: Warum komponieren Sie?
R. F.: Musik ist für mich eine Sprache, die man erst richtig versteht, wenn man sie selber spricht. Als ich mit dem Klavierspielen anfing, habe ich immer für mich improvisiert, stundenlang. Danach erschien mir die geschriebene Musik viel lebendiger, flüssiger. Als ich meinem damaligen Klavierlehrer erklärte, daß ich Komponist werden wolle, sagte er mir damals, daß die Musikgeschichte beendet sei und unsere heutige Aufgabe darin bestünde, die Werke der Vergangenheit zu pflegen. Ich revoltierte damals innerlich gegen diese typisch deutsche „Untergang des Abendlandes"- Vision. Auf der anderen Seite war mir schon klar, daß Komponieren im 20. Jh weitgehend ein brotloser Beruf ist. Heute genieße ich meine Freiheit, kompromißlos die Musik schreiben zu können, die mir vorschwebt, ohne von Schulen oder Märkten abhängig zu sein. Dies ist nur möglich, weil ich meinen Lebensunterhalt in der freien Wirtschaft verdiene, so wie Charles Ives, der eine Art Doppelleben geführt hat: einerseits als erfolgreicher Geschäftsmann, andererseits als freischaffender Komponist. Diese Doppelbelastung ist auch eine Doppelentlastung: Ich stehe als Komponist nicht täglich unter dem immensen Leistungsdruck, ein Genie sein zu müssen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für unverkrampfte Kreativität.
T. P.: Seit 70 Jahren.spricht man von Krise, vom Schisma zwischen Komponisten und Publikum. Lachender Dritter ist die Pop- und Rockmusik. Sie bedeutet für viele heute den einzigen adäquaten Ausdruck ihres Lebensgefühls. Hat Neue Musik überhaupt noch eine Chance, ein breites Publikum zu gewinnen?
R.F.: Die Komponistengeneration der Nachkriegszeit wie z.B. Boulez hat die atonale Musik zum Dogma erhoben. Das war ein Fehler. Kein Komponist durfte nunmehr tonal komponieren, sonst wurde er aus dem Darmstädter Club der hardliners ausgeschlossen. Ich glaube, daß Boulez mit dieser Haltung der Neuen Musik keinen guten Dienst erwiesen hat. Denn wo bleibt die künstlerische Freiheit, wenn ein Komponist nun vom Kollektiv der Komponistenkollegen gezwungen wird, einer ganz speziellen Theorie zu folgen. Die notwendige schöpferische Freiheit kann nur da existieren, wo ein Künstler ausschließlich sich selbst gegenüber verantwortlich ist. Er kann weder auf das Publikum noch auf seine Kollegen Rücksicht nehmen. Und seit den 80er Jahren ist die Tonalität rehabilitiert, was den Gebrauch von Atonalität nicht ausschließt. Auch die Anbindung an ethnische Musik, Jazz, Pop etc. ist heute wieder möglich. Man nennt das Postmoderne, ein etwas unglücklicher Ausdruck wie ich finde, denn er suggeriert ein fin de siècle-Gefühl, das aber meines Erachtens fehl am Platze ist. Ich würde sagen, das fin du siècle haben wir schon gehabt und zwar von 1914 - 1945. jetzt müssen wir über die Jahrtausendwende hinüber denken und Visionen für die Zukunft entwickeln. Die Neue Musik ist jetzt gerade dabei, die „Kinderkrankheiten" zu überwinden, die typisch für jeden Neubeginn sind. Gefahr droht heute eher von Seiten einer profitorientierten Kulturpolitik, die Opernhäuser durch Freizeitparks ersetzen will und Musik- und Kunstunterricht für überflüssig hält.
T. P.: Erzählen Sie doch bitte noch etwas über die anderen Stücke auf der CD, z.B. THRENOS IV.
R.F.: THRENOS stammt aus dem Griechischen und bedeutet Totenklage. Dieses Stück ist kurz nach dem Tode meines Vaters entstanden. Ich wollte den Titel Requiem vermeiden, weil er schon so oft verwendet wurde und so viele musikgeschichtliche Assoziationen weckt. THRENOS IV ist so etwas wie ein Psychogramm, ausgelöst durch eine Konfrontation mit der Realität des Todes. Indem sich die Schleusen zu einer Gefühlswelt öffneten, die mir bis dahin unbekannt gewesen war, bekam ich es zunächst mit der Angst zu tun. Ich fühlte, daß meine wohlgeordneten Begriffsstrukturen dieser Realität nicht gewachsen waren, und emotionales Chaos breitete sich in mir aus. Am Ende bleibt das Gefühl, mit einem Schrecken davongekommen zu sein. Ich denke, daß ich damals im Alter von 35 Jahren auch erstmalig mit der Realität meines eigenen Todes konfrontiert worden bin. Als junger Mensch hält man sich ja für unsterblich, aber Mitte Dreißig taucht der eigene Tod am Lebenshorizont auf. Ich habe die Komposition mehrfach überarbeiten müssen, weil mir meine eigene Musik fremd vorkam, und die allererste Version habe ich auch aus dem Verkehr gezogen. Es gibt also jetzt noch THRENOS II - IV in verschiedenen Besetzungen. Dabei ist die zuletzt entstandene Version für 2 Klaviere, 2 Schlagzeuge, Streichquintett und Violine solo die, wie ich finde, gelungenste: Hier stehen die 6 Solo-Streicher dem kompakten Quartett aus Klavierduo und Schlagzeug-Duo gegenüber. Aber anstelle erdrückt zu werden - was ich anfangs befürchtete - sind die Streicher die Seele des Ensembles.
T.P.: Das erste Stück auf der CD heißt AURORA. Was verbirgt sich hinter dem Titel?
R.F.: Ich suche die Titel meiner Stücke immer erst, nachdem ich die Komposition beendet habe. In diesem Falle stellte sich beim Anhören eine visuelle Assoziation ein. Das Stück beginnt mit einem lang ausgehaltenen Ton im Kontrabaß. Dann folgt ein hoher Oboen- Harfenton, der erst punktuell auftaucht, und im Verlauf des ganzen Stückes kommen sukzessiv weitere Töne hinzu, bis eine kurze Melodie erklingt. Deshalb AURORA, die ersten Sonnenstahlen im Morgengrauen, die dann einer Gestalt Raum geben, nämlich der Kuppel der Sonnenscheibe. AURORA ist die von allen Stücken zuletzt entstandene Komposition. Deshalb habe ich sie an den Anfang gesetzt. Aber diese Komposition eignet sich meines Erachtens auch sonst als Anfangsstück, sozusagen als Morgengymnastik für die Ohren.
T.P.: Bleibt also nur noch MEMORARE, über das wir noch nicht gesprochen haben.
R. F.: Ja, es handelt sich um ein Klavierquartett mit Violine, Viola und Kontrabaß. Wie der Titel schon sagt, ist es eine Komposition, die Erinnerungen wachruft. Erinnerung ist ein kostbares Gut und manchmal, wenn wir einen nahestehenden Menschen aus unserer Umgebung verlieren, ist es das einzige, was uns bleibt und wovon wir zehren. MEMORARE ist sicher die „romantischste" Komposition auf dieser CD. Romantik ist ein unverzichtbares Element meines Wesens. Ich bin hauptsächlich mit romantischer Klaviermusik aufgewachsen, vor allem Schumann, aber ebenso Liszt, Brahms, Chopin. Ich kann mir Musik ohne einen romantischen Grundimpuls gar nicht vorstellen. Deshalb bevorzuge ich von allen musikalischen Parametern die Melodie. Natürlich ist der Blick zurück, die „Suche nach der verlorenen Zeit" nicht unproblematisch, vor allem wenn er einer latenten Depressivität Vorschub leistet. Mir geht es hier aber um etwas ganz anderes: Jeder Tag gelebten Lebens ist ein Reichtum, den man erst zu schätzen lernt, wenn man dem praktischen Überlebenskampf enthoben ist, und das sind wir in der Erinnerung, wenn sie bewältigt ist, d.h. wenn wir die Vergangenheit loslassen können. Trauma und Nostalgie sind unbewältigte Erinnerung. Die macht krank. Aber der liebevolle zärtliche Blick auf das gelebte, bewältigte und gemeisterte Leben ist eine heilsame Kraftquelle, Glücksempfindung und nicht zuletzt ein hoher Genuß.

Das Quatuor Danel wurde 1991 gegründet. Die vier Quartettmitglieder studierten beim Amadeus Quartett, bei Walter Lewin und Pierre Penassou. Mit dem Borodin-Quartett erarbeitete es die Quartette von Dimitri Schostakowitsch. Es gewann den ersten Preis im „internationalen Quartettwettbewerb Dimitri Schostakowitsch", St. Petersburg 1993, den 3. Preis im „London International Stringquartet Competition" 1994 und den 2. Preis mit dem Spezialpreis der internationalen Pressejury im „Concours International de Quartuor à Cordes" Evian 1995.
Vom Quatuor Danel sind inzwischen verschiedene CD’s mit zeitgenössischen und klassischen Werken erschienen.

Elmar Lampson, geboren 1952 in Koblenz. Er studierte Komposition, Musiktheorie und Violine an den Musikhochschulen Hannover und Würzburg. Er ist zusammen mit R. Flender Mitbegründer des Musikfestes „Hörwelten" - Hamburger Begegnung im Zeichen zeitgenössischer Musik und des anthroposophischen Musikseminars Hamburg sowie der Orchesterakademie Hamburg. Lampson hat mit seinem Orchester in fast allen europäischen Länder einschließlich weiter Bereiche der ehemaligen Sowjetunion konzertiert. Sein Repertoire- Schwerpunkt liegt in der zeitgenössischen Musik. So nahm er 1994 eine CD mit Werken Alfred Schnittkes mit dem Geiger Mark Lubotsky und der Orchesterakademie für Sony Classical auf. Sein international vielbeachtetes und oft gespieltes kompositorisches Oeuvre reicht von Klavier- und Kammermusik bis zu symphonischen Werken und einer Oper. Eine CD mit eigenen Werken wurde 1996 bei dem Label col legno veröffentlicht. Lampson unterrichtet seit 1996 musikalische Phänomenologie an der Universität Witten/Herdecke und wurde 1997 zum Professor für Ensemble-Leitung an der Hochschule für Musik und Theater ernannt.

Winfried Rüssmann wurde 1944 in der Nähe von Danzig geboren. Sechzehnjährig begann er das Violinstudium bei Tibor Varga an der Musikhochschule Detmold. Mit 21 Jahren wurde er vom Berliner Philharmonischen Orchester engagiert. In London errang er 1970 nach weiteren Studien bei Yfra Neaman und Szymon Goldberg ein Diplom beim internationalen Wettbewerb „Carl Flesch" und arbeitete freiberuflich in der Academie of St.-Martin-in-the-Fields unter Neville Marriner. Seit 1982 ist Winfried Rüssmann 1. Konzertmeister beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. 1985 wurde er als Professor an die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg berufen. Sein Instrument ist eine „Viotti" Stradivari aus dem Jahr 1704.


Inhalt der CD

AURORA
für 12
Instrumentalisten 13:09
Orchesterakademie Hamburg und das Quatuor Danel, Leitung: Elmar Lampson
[1] 1. Satz 7:29
[2] 2. Satz 5:37
Christa Durner, Flöte - Martin Jelev, Oboe - Petra Hahn, Klarinette - Joachim Trommler, Fagott - Arne Schalk, Horn - Ekaterina Preu, Harfe - Michael Dorner, Klavier - Quatuor Danel (Mark Danel 1. Violine.; Gilles Millet 2. Violine; Juliette Danel Viola; Guy Danel Violoncello) - Michael Bellmann, Kontrabass.

THRENOS IV
für Vi solo, 2 Klaviere, 2 Schlagzeuger und Streichquintett 15:27
Orchesterakademie Hamburg und das Quatuor Danel, Leitung: Elmar Lampson
Violine Solo: Winfried Rüssmann.

[3] 1. Satz 4:15
[4] 2. Satz 3:50
[5] 3. Satz 7:14
Michael Kiedaisch und Nils Grammerstorf Schlagzeug; Ulrike Wirth und Michael Dorner Klavier; Quatuor Danel und Michael Bellmann Kontrabaß.

PIRKEI TEHILLIM
- drei hebräische Psalmen für Sopran und Klavier 10:50
[6] 1. Psalm 23 mizmor le david 3:46
[7] 2. Psalm 103 barechi nafshi et adonay 4:24
[8] 3. Psalm 121 esa eynay el heharim 2:35 Irmelin Gödecke Sopran; Michael Dorner Klavier

MEMORARE
für Klavier, Violine, Viola und Kontrabaß 12:55
[9] Andante - Largo - Andante 12:55
Mark Lubotsky, Violine - Grazina Lubotsky-Filipajtis, Viola - Gerhard Kleinert, Kontrabaß - Julija Botchkovskaia, Klavier.

CD-Dauer gesamt: 53:00. Aufnahme: AURORA und THRENOS IV aufgenommen im August 1997 im Studio 10 des NDR Tonmeister: Jörg Moser. PIRKEI TEHILLIM und MEMORARE aufgenommen im September1996 im Orchesterstudio der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Tonmeisterin: Pauline Heister.
Das digitale Mastering wurde im Tonstudio Jörg Moser durchgeführt.
Alle Werke sind bei peermusic classical verlegt. Direktbestellung der CD über: col-legno.de.
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